Wer nicht hören kann…

Wer nicht hören kann, muss sehen

Die Muttersprache der Gehörlosen ist die ÖGS, die österreichische Gebärdensprache. Sie hat ebenso viele Dialekte wie die Lautsprache. Als Minderheitensprache ist sie nicht anerkannt, weil der österreichische Staat als ethnische Minderheiten nur solche anerkennt, die auch einen Lebensraum miteinander teilen, was bei den Gehörlosen nicht der Fall ist.

GÜNTHER WITZANY


Im Gegensatz zur Lebenswelt der Hörenden sind die Gehörlosen die Träger der lautlosen Kultur. Für viele Menschen bleiben Töne, Geräusche, Melodien, Vogelstimmen ein unvorstellbares Phänomen. Für die Gehörlosen ist es nicht leicht, in der Welt der Hörenden zu leben, zumal viele Hörende die Gehörlosen als lallende oder meist schlecht artikulierende Menschen und damit als (geistig) behindert abstempeln, wodurch sie nicht die Würde und den Respekt erfahren, der ihnen ganz selbstverständlich zusteht.

Wenn es um die Anerkennung der Muttersprache der Gehörlosen geht, entscheiden Hörende auf Grund von Stellungnahmen und Gutachten Hörender. Gehen gehörlose Kinder in Kindergarten oder Schule, werden sie von Hörenden unterrichtet. Ja, es wird sogar von Hörenden entschieden, wie die Anpassung gehörloser Kinder an die Welt der Hörenden zu erfolgen hat.


Isolierte Kindheit
unter Hörenden

Frau Anna Sch., 30, weiß aus eigener Erfahrung um die unangenehmen Erinnerungen an eine Gehörlosenkindheit isoliert unter Hö-renden. Mit zwei Jahren erhielt sie an beiden Ohren Hörapparate und Sprechunterricht durch eine Sprechtrainerin, allerdings mit geringem Erfolg: „Ich wollte so gerne mit anderen Kindern spielen, merkte aber immer, dass ich ausgeschlossen wurde, weil ich mich nicht verständlich machen konnte. Ganz gleich ging es mit meinen Eltern und Geschwistern; ich wollte mich mitteilen, wusste aber nicht wie. Oft, wenn ich besonders traurig war, wendete sich meine Mutter mir herzensvoll zu, aber an ihrem Blick merkte ich, dass sie nicht wirklich wusste, warum ich traurig war. Jedes Mal, wenn ich versuchte, meine Hände zu Hilfe zu nehmen, um etwas plastisch darzustellen, wurde mir mit strenger Miene bedeutet, die Hände auf den Rücken zu nehmen, ich bräuchte sie nicht, um mich mitzuteilen, ich könne ja sprechen. Heute kann ich sagen, dass ich um meine Kindheit betrogen wurde. Ich konnte mich nie angst- und stressfrei mitteilen; im Kindergarten und noch in der Sonderschule war der Tag erfüllt von Sprechübungen, die immer auch frustrierend – weil nie wirklich erfolgreich – waren. Was ich hörte, war zu undeutlich, und kaum sprachen zwei oder drei Leute miteinander, verschwamm alles zu einem Geräuschbrei. Mögen andere Kinder Interessantes in Kindergarten und Schule erfahren und sich Wissen angeeignet haben, so war ich davon weit entfernt. In der beginnenden Pubertät lernte ich schließ-lich ein Mädchen kennen, das begann mir Gebärdensprache beizubringen. Erst da bemerkte ich, wie interessant und erfüllend der Austausch sein konnte. Ihr konnte ich mein Herz ausschütten, und wir wurden dicke Freundinnen. Sie selbst war nicht gehörlos, aber ihre Eltern. Als ich sie das erste Mal zuhause besuchte, erlebte ich eine unvergessliche Atmosphäre: Wir saßen am Küchentisch und sprachen in Gebärdensprache über meine Kindheit, über die Schule und über alles Mögliche. Dabei beeindruckten mich besonders ihre Eltern, die mich und meine Wünsche so ernst nahmen und mir Mut zusprachen. Das kannte ich alles bis dahin nicht. Ich bat sie schließ-lich, sich mit meinen Eltern zu treffen, und meine Freundin sollte dolmetschen. Als sie uns besuchten, waren meine Eltern fassungslos, als sie sahen, dass man mit Gebärdensprache über alles sprechen kann. Vor allem meine Mutter reute es immer mehr, mir nicht von klein an die Möglichkeit eröffnet zu haben, Gebärdensprache zu lernen. Ich hätte mich entwickeln können wie andere Kinder auch und in meiner Muttersprache mit den Eltern über alles sprechen können, was andere Kinder auch besprechen oder wissen wollen.“ Anna Sch. erzählte mir dies in Gebärdensprache, eine Dolmetscherin übersetzte in die Lautsprache.


Spielerisches Erlernen
fehlt völlig

Diese Geschichte ist typisch für die Situation vieler Gehörloser. Ein Kind wird geboren, bald stellt sich heraus, es ist taub. Die Eltern sind geschockt und verzweifelt, wissen nicht weiter. Die HNO-Ärzte erzählen ihnen, es gebe inzwischen technische Mittel, mit denen man die Taubheit beheben könne. Die Eltern wollen unbedingt, dass ihr Kind in der normalen Welt der Hörenden aufwachsen kann. Sie geben ihre Einwilligung, dem Kind einen Hörapparat zu implantieren. Die Sprechtrainer und Ärzte machen die Eltern wiederholt darauf aufmerksam, dass das Kind sprechen lernen soll und keine Gebärden. Da Kinder immer auf das Einfachere ausweichen, würden sie sich dann nur auf die Gebärdensprache konzentrieren und das Sprechenlernen in Lautsprache vernachlässigen. Dadurch würden die Hörnerven zu wenig Stimuli bekommen und sich nicht nachhaltig entwickeln. Der Sinn des Implantats wäre damit in Frage gestellt.

Kinder mit Cochlear-Implantat (CI), die nicht der Gebärdensprache mächtig sind, durchlaufen nicht die selben Spracherwerbsstadien wie hörende Kinder. Das spielerische Erlernen der Sprache fehlt vollständig, stattdessen heißt Sprechenlernen mühsames Sprechtraining. Die für die Sprachentwicklung so typischen Vordem-Einschlafen-Monologe fallen vollständig weg. Und die für eine seelische Ausgeglichenheit unersetzbare Erfahrung entspannter und emotional vollwertiger Kommunikation findet nicht wirklich statt. Daher rührt auch die hohe Rate psychischer beziehungsweise psychosomatischer Störungen von Gehörlosen, die ohne Gebärdensprache aufgewachsen sind.

Die praktische Ärztin und Psychotherapeutin Ulrike Gotthard, selbst gehörlos, fasst das so zusammen: „Die bisher überwiegend eingesetzte orale Ausrichtung in Erziehung und Bildung Gehörloser und Hörbehinderter, gerade in hörenden Familien (und das sind 90 Prozent!), hat oft tiefunglückliche Angehörige mittlerweile erwachsener gehörloser ,Kinder‘ zur Folge, wie ich es in meiner täglichen Praxis gehäuft erlebe: In Anbetracht der eingetretenen psychischen Erkrankung ihres Kindes wird ihnen oft erst bewusst, dass sie unter Verzicht auf die Gebärden nie einen tieferen emotionalen Zugang zu ihnen gefunden haben.“


Der Ausweg aus dieser
Diskriminierung

„In diesen Familien werden die eigenen Erfahrungen als Hörende auf die Anforderungen, Wünsche und Bedürfnisse des gehörlosen oder hörbehinderten Kindes projiziert und sind oft nicht ,behinderungsgerecht‘.“

Der Ausweg aus dieser eigentlich unfassbaren Diskriminierung der berechtigten Anliegen und Rechte gehörloser Menschen wäre die zweisprachige Erziehung. Die hö-rende Welt setzt momentan aber noch alles daran, gehörlose Kinder „reparieren“ zu wollen. Daraus erklärt sich auch die Durchsetzung der Cochlear-Implantate. Das werden die Gehörlosenvertretungen auch so zur Kenntnis nehmen müssen, wenngleich die einzelnen Auswirkungen wie beschrieben prägend sind. Dennoch muss für Eltern gehörloser Kinder die Wahlmöglichkeit rechtlich verankert werden, neben dem Erlernen der Sprachkompetenz in Lautsprache zusätzlich Gebärdensprachkompetenz zu erlangen.


Die Sprache ist
Identität stiftend

Wie zahlreiche Untersuchungen unzweifelhaft belegten, lernen Kinder, die Gebärdensprache als Muttersprache verwenden können, sich auch besser lautsprachlich zu artikulieren. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Sinnverstehen über die Gebärdensprache die Aussprachleistung in der Lautsprache positiv zu beeinflussen vermag.

Die Sprachprofessorin Helen Leuninger von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt sagt: Die einschlägigen Forschungen zum Erwerb der Gebärdensprache zeigen eindrücklich, dass gehörlose Kinder, die Gebärdensprache als Muttersprache erwerben, die selben Spracherwerbsstadien durchlaufen wie hörende Kinder. Sie steigen in das System ihrer Muttersprache zum selben Zeitpunkt ein (etwa im 12. bis 18. Monat) und sie erwerben sukzessiv die Grammatik ihrer jeweiligen Gebärdensprache.“

Im Europäischen Jahr der Sprachen ist es höchste Zeit, dass die hörende Welt die berechtigten Anliegen der Sprachgemeinschaft der Gehörlosen ernst nimmt und endlich respektiert. Helen Leuninger: „Wenn wir wollen, dass hörgeschä-digte Menschen in unsere Gesellschaft integriert werden, dann müssen wir, ebenso wie wir das den Hörenden zugestehen, ihnen die Möglichkeit geben, eine Identität zu entwickeln und zu entfalten.

Integration ohne Identität ist eine nahezu menschenunwürdige Anpassung, die nicht von der Autonomie des Individuums ausgeht. Identitätsstiftend ist die Sprache, und daher müssen Integrationsbemühungen für hörgeschädigte Menschen immer als Ausgangspunkt ihre sprachliche Identität haben. Für hörgeschädigte Menschen kann diese sprachliche Identität nur die Gebärdensprache sein.“

Nicht zuletzt die wissenschaftlichen Ergebnisse über die enge Verknüpfung von Sprach- und Persönlichkeitsentwicklung drängen auf die Anerkennung der Gebärdensprache zumindest für die Bereiche Frühförderung, Kindergarten, Schule und Ausbildung, damit Eltern – rechtlich abgesichert – die faktische Wahlmöglichkeit haben, ihr Kind zweisprachig in Laut- und Gebärdensprache aufwachsen zu lassen.

Das mag dazu beitragen, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung bei der Erstdiagnose – gehörlos – zu lindern und berechtigte Hoffnungen auf eine positive Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes zu realisieren.