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Die Österreichische Gebärdensprache hat nun einen Sonderstatus: Sie ist nach der Staatssprache Deutsch die erste Sprache, die einfach "nur" als Sprache anerkannt wurde ohne dies auf die Gruppe der VerwenderInnen (Volksgruppe) oder ein bestimmtes Staatsgebiet zu beschränken.
Über die erste Sprache der Menschheit gibt es zahlreiche Spekulationen. Manche LinguistInnen argumentieren, dass es eine Gebärdensprache gewesen sein muss, da der Bewegungsapparat (der dafür relevant ist) menschheitsgeschichtlich viel früher entwickelt war als der Kehlkopf.
"Volksgruppe" oder nix?
Die Familie der Gebärdensprachen gibt Rätsel auf und hört nicht auf, VerwenderInnen und ExpertInnen, PolitikerInnen und Laien zu beschäftigen und zu faszinieren. In Österreich wurde am 6. Juli 2005 ein symbolträchtiges Zeichen gesetzt: Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) wurde verfassungsmäßig verankert und dadurch offiziell in ihrer Existenz bestätigt. Artikel 8 der Bundesverfassung hat nun einen 3. Absatz, der da lautet: "Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. Das Nähere bestimmen die Gesetze." Die ÖGS hat somit einen Sonderstatus: Sie ist tatsächlich nach der Staatssprache Deutsch die erste Sprache, die einfach "nur" als Sprache anerkannt wurde ohne dies auf die Gruppe der VerwenderInnen oder ein bestimmtes Staatsgebiet zu beschränken.
Eine lange Geschichte des Kampfes um politische und rechtliche Anerkennung der Gebärdensprachgemeinschaft geht dem zuvor. 14 Jahre seit dem Einlangen der ersten Petition im Parlament wurde die Anerkennung der ÖGS mit dem juristischen Totschlagargument, dass die Sprache und gehörlose Menschen nicht in das österreichische Volksgruppenkonzept passen würden, verweigert. In Österreich könne eine Sprachgemeinschaft laut Bundeskanzleramt entweder als Volksgruppe (wie in Artikel 7 des Staatsvertrags beschrieben) bestimmte Rechte erhalten, oder gar nicht.
Druck und Aktionismus
Warum nach so vielen Jahren endlich die rechtliche Anerkennung möglich wurde, ist unklar. Ein Grund mag sein, dass sie im Zuge der Erarbeitung des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes erfolgte, dessen Endergebnis insgesamt viele der InitiatorInnen schwer enttäuscht zurück ließ dass die Anerkennung der ÖGS also sozusagen ein politisches "Zuckerl" war. Internationale Dokumente, die den Staat dazu aufriefen, sind zahlreich: Zwei Petitionen des Europäischen Parlaments (1988 und wieder 1998) sowie eine dezidierte Aufforderung des Europarates (2003), rechtliche Rahmenbedingungen zur Absicherung der europäischen Gebärdensprachen zu schaffen, lagen vor. Zusätzlich betätigte sich die Interessensvertretung der österreichischen Gehörlosencommunity seit dem Jahr 2000 massiv politisch, aber auch aktionistisch. Imagekampagnen, Diskriminierungsbericht, erstmals Bücher über ÖGS und enge Zusammenarbeit mit anderen Interessenvertretungen, insbesondere der Behindertenbewegung, verliehen der Forderung mehr und mehr Gewicht. Auch das zunehmend abgesicherte, akademische Wissen über Gebärdensprachen half mit, dass die Akzeptanz der ÖGS als "echter" Sprache wachsen konnte.
Vom "Stummerl" zur Community
Österreich hat also eine "neue" Minderheitensprache. Doch so neu ist sie nicht: Die Gebärdensprachgemeinschaft ist (zumindest in Wien) seit 1865 vereinsmäßig organisiert. Auch die internationale Gehörlosencommunity ist eng vernetzt, viele gehörlose Menschen reisen oft und weit, um andere zu treffen; regelmäßige Weltkongresse, Gehörlosenolympiaden und andere Veranstaltungen bewirken, dass dieses Promille der Weltbevölkerung in regem Austausch steht. Die Kleinheit der Gruppe und das tiefe Bedürfnis nach Kommunikation haben Umgangsformen, Organisationsweise und das, was heute "Gehörlosenkultur" genannt wird, geprägt.
GebärdensprachbenützerInnen waren und sind jedoch gleichzeitig massiv benachteiligt, diskriminiert, verfolgt, in ihren Sprachenrechten eingeschränkt. Das Schulsystem entlässt viele als funktionale AnalphabetInnen das bedeutet, dass viele gehörlose ÖsterreicherInnen Schriftsprache unzureichend beherrschen und/oder aufgrund der Vermeidung schriftsprachlicher Eigenaktivität nicht in der Lage sind, Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen. Das Ergebnis sind Menschen, die weder einer Gebärdensprache noch der Schriftsprache ausreichend mächtig sind. Das war nicht immer so. Gehörlosenschulen (Gründung der Wiener Schule: 1779) waren ein Hort des Empowerments und des Austausches, AbsolventInnen machten Karriere und waren angesehene BürgerInnen, lebten als KünstlerInnen, Erfinder und betätigten sich wohltätig für weniger reiche "Taubstumme".
Assimilationsdruck
Dies war so, bis (mehr oder weniger) wohlmeinende hörende Menschen die Bildungsanstalten zu dominieren begannen. Sie wollten aus schicksalsgeschlagenen Stummerln am liebsten hörende Menschen machen und schrieben die Produktion von verständlichen Lauten (also das Produzieren von Lautsprache statt Gebärdensprache) und das Lippenlesen als das ultimative Ziel vor, als gelungenes Zeichen der Anpassung, Zähmung und Zivilisation. Gebärdensprachen wurden in den Gehörlosenschulen vieler Länder verboten, als schädlich und als Konkurrenten zum übergeordneten Ziel der Lautsprache betrachtet. Diese "Methodenstreit" genannte Spaltung in der Gehörlosenpädagogik hatte ihren Ursprung Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts und nahm dann bis in das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts immer radikalere Formen und Argumentationsstrategien an. Aus heutiger Sicht ist Harlan Lanes Analyse für die USA auch hier gültig, nämlich dass es sich in Wahrheit nicht um eine "Methodenfrage" handelte, die da ausgefochten wurde:
"Was ursprünglich eine Frage kultureller und sprachlicher Unterdrückung war, ist zu einer Frage der Methodologie umgedeutet worden. Audistische Pädagogen versuchen dieselben Taschenspielerstricks, wenn sie die jahrhundertealte Auseinandersetzung zwischen ASL und Englisch als ,oral-manuale Kontroverse' oder ,bitteren Methodenstreit' hinstellen. Die Weigerung der Franzosen, Bretonisch in Schulen zuzulassen, oder das britische Verbot von Gujarati (...) sind kein methodologischer Disput, genauso wenig wie die Ablehnung von ASL (American Sign Language) in Amerika. Das ist eine Frage von Kultur, Politik und Geschichte." (Lane 1994:173)
So haben wir es derzeit in Österreich mit einer Situation zu tun, in der zwar ÖGS endlich den ihr zustehenden, rechtlich abgesicherten Platz hat, im auf gehörlose Kinder zugeschnittenen Bildungssystem jedoch weder von den Lehrenden beherrscht noch unterrichtet wird oder als Fach präsent ist. Österreichische Gehörlosenschulen schließen ÖGS aus, und das Bildungsressort schließt gebärdensprachkompetente Personen vom Lehrberuf aus. Man beruft sich immer wieder auf das Ziel der "Integration" in die hörende Welt und meint dabei Assimilation. Dabei wird mit dem trügerischen Fehlschluss, die Gebärdensprache würde die Lautsprache verdrängen oder verhindern, argumentiert.
Das zuständige Ministerium stellte schon 1998 klar, es "... kann ein allgemeiner Rechtsanspruch auf den Einsatz der Gebärdensprache im Unterricht für Kinder, deren Eltern eine Integration in die Sprach- und Kulturgemeinschaft der Gehörlosen wünschen, erst bei einer offiziellen Anerkennung als Minderheitensprache erfolgen".
Abzuwarten bleibt, ob der neue Verfassungsartikel und das, was er ankündigt ("Das Nähere bestimmen die Gesetze"), jenen Bereich, der der Gehörlosencommunity am allerwichtigsten ist, nämlich das Bildungswesen, zum Positiven beeinflussen wird.
Einstiegsliteratur:
Boyes Braem, Penny (1992): Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung. Signum: Hamburg
Branson, Jan/Don Miller (2002): Damned For Their Difference. The Cultural Construction of Deaf People as Disabled. Gallaudet UP: Washington
Laborit, Emanuelle (1995): Der Schrei der Möwe. Autobiographie. Verlag Bastei Lübbe
Ladd, Paddy (2003): Understanding Deaf Culture. In Search of Deafhood. Multilingual Matters Ltd.
Lane, Harlan (1994): Die Maske der Barmherzigkeit. Unterdrückung von Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft. Signum: Hamburg, Band 26
Marschark, Marc/Spencer, Patricia Elizabeth (eds.) (2003): Oxford Handbook of Deaf Studies, Language, and Education. Oxford UP
ÖGLB (Hg.): Mein Tor zur Welt der Gehörlosen. Kinderbuch. Siehe: http://www.oeglb.at/shop
Sacks, Oliver (1992): Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen. rororo: Hamburg
(Auf http://www.oeglb.at sind unter LINKS viele Internetadressen zum Thema Gehörlosigkeit zu finden.)
Verena Krausneker lebt und arbeitet als Sprachwissenschafterin in Wien. Sie ist Vorstandsmitglied des Österreichischen Gehörlosenbundes: http://www.oeglb.at.
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