Verband der Gehörlosenvereine im Lande Salzburg

Vollversion [alt]+[v]     Große Schrift [alt]+[z]    

(A) Verband der Gehörlosenvereine   (B) Gesundheit und Soziales   (C) Gebärdensprache   (D) Gehörlosenkultur  
(E) Dolmetschen   (F) Bergfriede   (G) Termine   (H) Kontakt   (I) Leute   (J) Links   (K) neu  


    Gehörlosenkultur:

  1. Gehörlosengeschichte
  2. Organisationen
  3. zweisprachig aufwachsen
  4. wer nicht hören kann,...
  5. Diskriminierung
  6. Literatur
  7. Film


Gehörlosengeschichte - ein kurzer Überblick:


Organisationen:

Der Verband der Gehörlosenvereine ist der Dachverband von 5 Gehörlosenvereinen (Salzburg, Pongau, Pinzgau, Lungau, Sport).

Als Dachverband ist er dem Österreichischen Gehörlosenbund angeschlossen

Der Österreichische Gehörlosenbund ist Mitglied beim EUD (European Forum of the Deaf) und beim WFD (World Federation oft the Deaf).


Wer nicht hören kann, muss sehen

Die Muttersprache der Gehörlosen ist die ÖGS, die österreichische Gebärdensprache. Sie hat ebenso viele Dialekte wie die Lautsprache. Als Minderheitensprache ist sie nicht anerkannt, weil der österreichische Staat als ethnische Minderheiten nur solche anerkennt, die auch einen Lebensraum miteinander teilen, was bei den Gehörlosen nicht der Fall ist.

GÜNTHER WITZANY


Im Gegensatz zur Lebenswelt der Hörenden sind die Gehörlosen die Träger der lautlosen Kultur. Für viele Menschen bleiben Töne, Geräusche, Melodien, Vogelstimmen ein unvorstellbares Phänomen. Für die Gehörlosen ist es nicht leicht, in der Welt der Hörenden zu leben, zumal viele Hörende die Gehörlosen als lallende oder meist schlecht artikulierende Menschen und damit als (geistig) behindert abstempeln, wodurch sie nicht die Würde und den Respekt erfahren, der ihnen ganz selbstverständlich zusteht.

Wenn es um die Anerkennung der Muttersprache der Gehörlosen geht, entscheiden Hörende auf Grund von Stellungnahmen und Gutachten Hörender. Gehen gehörlose Kinder in Kindergarten oder Schule, werden sie von Hörenden unterrichtet. Ja, es wird sogar von Hörenden entschieden, wie die Anpassung gehörloser Kinder an die Welt der Hörenden zu erfolgen hat.


Isolierte Kindheit
unter Hörenden

Frau Anna Sch., 30, weiß aus eigener Erfahrung um die unangenehmen Erinnerungen an eine Gehörlosenkindheit isoliert unter Hö-renden. Mit zwei Jahren erhielt sie an beiden Ohren Hörapparate und Sprechunterricht durch eine Sprechtrainerin, allerdings mit geringem Erfolg: "Ich wollte so gerne mit anderen Kindern spielen, merkte aber immer, dass ich ausgeschlossen wurde, weil ich mich nicht verständlich machen konnte. Ganz gleich ging es mit meinen Eltern und Geschwistern; ich wollte mich mitteilen, wusste aber nicht wie. Oft, wenn ich besonders traurig war, wendete sich meine Mutter mir herzensvoll zu, aber an ihrem Blick merkte ich, dass sie nicht wirklich wusste, warum ich traurig war. Jedes Mal, wenn ich versuchte, meine Hände zu Hilfe zu nehmen, um etwas plastisch darzustellen, wurde mir mit strenger Miene bedeutet, die Hände auf den Rücken zu nehmen, ich bräuchte sie nicht, um mich mitzuteilen, ich könne ja sprechen. Heute kann ich sagen, dass ich um meine Kindheit betrogen wurde. Ich konnte mich nie angst- und stressfrei mitteilen; im Kindergarten und noch in der Sonderschule war der Tag erfüllt von Sprechübungen, die immer auch frustrierend - weil nie wirklich erfolgreich - waren. Was ich hörte, war zu undeutlich, und kaum sprachen zwei oder drei Leute miteinander, verschwamm alles zu einem Geräuschbrei. Mögen andere Kinder Interessantes in Kindergarten und Schule erfahren und sich Wissen angeeignet haben, so war ich davon weit entfernt. In der beginnenden Pubertät lernte ich schließ-lich ein Mädchen kennen, das begann mir Gebärdensprache beizubringen. Erst da bemerkte ich, wie interessant und erfüllend der Austausch sein konnte. Ihr konnte ich mein Herz ausschütten, und wir wurden dicke Freundinnen. Sie selbst war nicht gehörlos, aber ihre Eltern. Als ich sie das erste Mal zuhause besuchte, erlebte ich eine unvergessliche Atmosphäre: Wir saßen am Küchentisch und sprachen in Gebärdensprache über meine Kindheit, über die Schule und über alles Mögliche. Dabei beeindruckten mich besonders ihre Eltern, die mich und meine Wünsche so ernst nahmen und mir Mut zusprachen. Das kannte ich alles bis dahin nicht. Ich bat sie schließ-lich, sich mit meinen Eltern zu treffen, und meine Freundin sollte dolmetschen. Als sie uns besuchten, waren meine Eltern fassungslos, als sie sahen, dass man mit Gebärdensprache über alles sprechen kann. Vor allem meine Mutter reute es immer mehr, mir nicht von klein an die Möglichkeit eröffnet zu haben, Gebärdensprache zu lernen. Ich hätte mich entwickeln können wie andere Kinder auch und in meiner Muttersprache mit den Eltern über alles sprechen können, was andere Kinder auch besprechen oder wissen wollen." Anna Sch. erzählte mir dies in Gebärdensprache, eine Dolmetscherin übersetzte in die Lautsprache.


Spielerisches Erlernen
fehlt völlig

Diese Geschichte ist typisch für die Situation vieler Gehörloser. Ein Kind wird geboren, bald stellt sich heraus, es ist taub. Die Eltern sind geschockt und verzweifelt, wissen nicht weiter. Die HNO-Ärzte erzählen ihnen, es gebe inzwischen technische Mittel, mit denen man die Taubheit beheben könne. Die Eltern wollen unbedingt, dass ihr Kind in der normalen Welt der Hörenden aufwachsen kann. Sie geben ihre Einwilligung, dem Kind einen Hörapparat zu implantieren. Die Sprechtrainer und Ärzte machen die Eltern wiederholt darauf aufmerksam, dass das Kind sprechen lernen soll und keine Gebärden. Da Kinder immer auf das Einfachere ausweichen, würden sie sich dann nur auf die Gebärdensprache konzentrieren und das Sprechenlernen in Lautsprache vernachlässigen. Dadurch würden die Hörnerven zu wenig Stimuli bekommen und sich nicht nachhaltig entwickeln. Der Sinn des Implantats wäre damit in Frage gestellt.

Kinder mit Cochlear-Implantat (CI), die nicht der Gebärdensprache mächtig sind, durchlaufen nicht die selben Spracherwerbsstadien wie hörende Kinder. Das spielerische Erlernen der Sprache fehlt vollständig, stattdessen heißt Sprechenlernen mühsames Sprechtraining. Die für die Sprachentwicklung so typischen Vordem-Einschlafen-Monologe fallen vollständig weg. Und die für eine seelische Ausgeglichenheit unersetzbare Erfahrung entspannter und emotional vollwertiger Kommunikation findet nicht wirklich statt. Daher rührt auch die hohe Rate psychischer beziehungsweise psychosomatischer Störungen von Gehörlosen, die ohne Gebärdensprache aufgewachsen sind.

Die praktische Ärztin und Psychotherapeutin Ulrike Gotthard, selbst gehörlos, fasst das so zusammen: "Die bisher überwiegend eingesetzte orale Ausrichtung in Erziehung und Bildung Gehörloser und Hörbehinderter, gerade in hörenden Familien (und das sind 90 Prozent!), hat oft tiefunglückliche Angehörige mittlerweile erwachsener gehörloser ,Kinder' zur Folge, wie ich es in meiner täglichen Praxis gehäuft erlebe: In Anbetracht der eingetretenen psychischen Erkrankung ihres Kindes wird ihnen oft erst bewusst, dass sie unter Verzicht auf die Gebärden nie einen tieferen emotionalen Zugang zu ihnen gefunden haben."


Der Ausweg aus dieser
Diskriminierung

"In diesen Familien werden die eigenen Erfahrungen als Hörende auf die Anforderungen, Wünsche und Bedürfnisse des gehörlosen oder hörbehinderten Kindes projiziert und sind oft nicht ,behinderungsgerecht'."

Der Ausweg aus dieser eigentlich unfassbaren Diskriminierung der berechtigten Anliegen und Rechte gehörloser Menschen wäre die zweisprachige Erziehung. Die hö-rende Welt setzt momentan aber noch alles daran, gehörlose Kinder "reparieren" zu wollen. Daraus erklärt sich auch die Durchsetzung der Cochlear-Implantate. Das werden die Gehörlosenvertretungen auch so zur Kenntnis nehmen müssen, wenngleich die einzelnen Auswirkungen wie beschrieben prägend sind. Dennoch muss für Eltern gehörloser Kinder die Wahlmöglichkeit rechtlich verankert werden, neben dem Erlernen der Sprachkompetenz in Lautsprache zusätzlich Gebärdensprachkompetenz zu erlangen.


Die Sprache ist
Identität stiftend

Wie zahlreiche Untersuchungen unzweifelhaft belegten, lernen Kinder, die Gebärdensprache als Muttersprache verwenden können, sich auch besser lautsprachlich zu artikulieren. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Sinnverstehen über die Gebärdensprache die Aussprachleistung in der Lautsprache positiv zu beeinflussen vermag.

Die Sprachprofessorin Helen Leuninger von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt sagt: Die einschlägigen Forschungen zum Erwerb der Gebärdensprache zeigen eindrücklich, dass gehörlose Kinder, die Gebärdensprache als Muttersprache erwerben, die selben Spracherwerbsstadien durchlaufen wie hörende Kinder. Sie steigen in das System ihrer Muttersprache zum selben Zeitpunkt ein (etwa im 12. bis 18. Monat) und sie erwerben sukzessiv die Grammatik ihrer jeweiligen Gebärdensprache."

Im Europäischen Jahr der Sprachen ist es höchste Zeit, dass die hörende Welt die berechtigten Anliegen der Sprachgemeinschaft der Gehörlosen ernst nimmt und endlich respektiert. Helen Leuninger: "Wenn wir wollen, dass hörgeschä-digte Menschen in unsere Gesellschaft integriert werden, dann müssen wir, ebenso wie wir das den Hörenden zugestehen, ihnen die Möglichkeit geben, eine Identität zu entwickeln und zu entfalten.

Integration ohne Identität ist eine nahezu menschenunwürdige Anpassung, die nicht von der Autonomie des Individuums ausgeht. Identitätsstiftend ist die Sprache, und daher müssen Integrationsbemühungen für hörgeschädigte Menschen immer als Ausgangspunkt ihre sprachliche Identität haben. Für hörgeschädigte Menschen kann diese sprachliche Identität nur die Gebärdensprache sein."

Nicht zuletzt die wissenschaftlichen Ergebnisse über die enge Verknüpfung von Sprach- und Persönlichkeitsentwicklung drängen auf die Anerkennung der Gebärdensprache zumindest für die Bereiche Frühförderung, Kindergarten, Schule und Ausbildung, damit Eltern - rechtlich abgesichert - die faktische Wahlmöglichkeit haben, ihr Kind zweisprachig in Laut- und Gebärdensprache aufwachsen zu lassen.

Das mag dazu beitragen, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung bei der Erstdiagnose - gehörlos - zu lindern und berechtigte Hoffnungen auf eine positive Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes zu realisieren.


Erklärungsmodell zur Diskriminierung Gehörloser:

Sprachdiskriminierung:
Am Anfang der langen Reihe von Diskriminierungsmechanismen steht die Diskriminierung der Österreichischen Gebärdensprache. Diese Diskriminierung kommt in folgenden Phänomenen besonders zum Ausdruck:

  • Österreichische Gebärdensprache wird nicht als Minderheitssprache anerkannt
  • Gehörlose werden als Menschen mit Defizit eingestuft
  • Die Reparatur-Kultur in Österreich versucht das Problem Gehörlosigkeit medizinisch zu lösen, ohne auf die Kommunikationsproblematik Rücksicht zu nehmen
  • Gebärdensprache wird oft für Kinder nicht empfohlen (besonders von medizinischer Seite)
  • Gebärdensprachdiskriminierung über das Bildungswesen (Es gibt praktisch keine 2-Sprachige Bildung für Gehörlose in Deutsch und Österreichischer Gebärdensprache)
  • Zu wenig Dolmetschdienste werden angeboten

Dies hat zur Folge, dass Gehörlose zu wenig Zugang zur Deutschen Sprache haben und gleichzeitig in ihrer eigenen Sprache, der Österreichischen Gebärdensprache nicht mit Hörenden kommunizieren können. Besonders dramatisch ist dies in Familien mit hörenden Eltern und gehörlosen Kindern. Eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Eltern und Kindern wie dies in nicht gemischten Familien der Fall ist, findet sich in derart gemischten Familien kaum. Dabei darf man nicht vergessen, dass Gebärdensprache die einzige Sprache ist, welche von Gehörlosen vollkommen in allen Nuancen verstanden werden kann.



Diskriminierung in Bildung:

Aufgrund der Diskriminierung von Sprache entsteht automatisch eine Diskriminierung Gehörloser im Bildungssystem. Schon erwähnt wurde, dass es keine Möglichkeit zu einer zweisprachigen Erziehung und Bildung gibt. Dazu kommt dass

  • das Bildungsniveau Gehörloser durch die Diskriminierung der Sprache sehr niedrig ist

  • es kaum Möglichkeiten für Gehörlose gibt, Gymnasien zu besuchen, die Matura abzuschließen und zu studieren

  • Integration bedeutet meistens eines oder wenige gehörlose Kinder und Jugendliche werden ohne nennenswerte Betreuung (wenige Wochenstunden) und ohne Dolmetscher in Klassen von Hörenden unterrichtet. Was zur Folge hat, dass sie weder den Unterricht mitbekommen, noch mit ihren Mitschülern und Lehrern kommunizieren können

Diese Diskriminierung in der Bildung wirkt sich rückwirkend wieder auf die Möglichkeiten der Sprachentwicklung aus und diskriminiert dadurch Gehörlose auch auf dem Gebiet der eigenen Sprache - der erste Teufelskreis.



Diskriminierung in der öffentlichen Information:

Diskriminierung in Sprache und Bildung hat zur Folge, dass Gehörlose viel zu wenig an öffentliche Information herankommen. Zusätzlich schließt die Informationsgesellschaft Gehörlose aus durch

  • Geringe Untertitelung von Fernsehsendungen (160 Stunden / Monat soll nun reduziert werden auf 140 Stunden), keine Untertitelung von Regionalsendungen wie Österreich Heute in den Bundesländern

  • Fast keine Einblendung von Gebärdensprachdolmetschern in den Sendungen des ORF (wöchentlich ca 20 Minuten)

  • Ausschluss aus der Telefongesellschaft trotz schriftlicher Kommunikation. In den USA oder Skandinavien können Gehörlose auf Call-Centers zurückgreifen, welche Kommunikationsdienste anbieten. Gehörlose sind durch die Zwischenschaltung solcher Call-Centers in der Lage über schriftliche Medien mit Hörenden fernmündlich zu kommunizieren. Dies ist besonders wichtig, da für Hörende weiterhin die mündliche Kommunikation die vorherrschende ist

  • Die Sprach- und Bildungsdiskriminierung hat zur Folge, dass Gehörlose auch zu Medien in schriftlicher Form (Bücher, Zeitungen, Internet, E-mail) nur bedingt Zugang haben

Wenig öffentliche Information wirkt sich in der heutigen Zeit fatal aus! Durch die Verwehrung von Information ist es Gehörlosen nicht möglich den Anschluss an die hörende Mehrheitskultur zu finden, oder diesen zu halten. Dies hat wieder ihre diskriminierende Rückwirkungen auf Bildung und Sprachentwicklung. Diese drei Arten der Diskriminierung greifen ineinander und betreiben die Spirale der schlechten Lebenssituation Gehörloser.



Aufgrund der Diskriminierung von Sprache entsteht automatisch eine Diskriminierung Gehörloser im Bildungssystem (keine zweisprachige Bildung, niedriges Bildungsniveau, kein Zugang zu höheren Schulen, Integration).

Diskriminierung in Sprache und Bildung hat zur Folge, dass Gehörlose viel zu wenig an öffentliche Information herankommen.

Die Diskriminierung in der Bildung wirkt sich auf die Möglichkeiten der Sprachentwicklung aus und diskriminiert dadurch Gehörlose auch auf dem Gebiet der eigenen Sprache.

Schlechte Information hat ihre diskriminierende Rückwirkungen auf Bildung und Sprachentwicklung. Diese drei Arten der Diskriminierung greifen ineinander und betreiben die Spirale der schlechten Lebenssituation Gehörloser.

Menschen deren Muttersprache nicht akzeptiert ist und denen der Zugang zu Sprache verwehrt wird, die ein niedriges Bildungsniveau aufweisen und an Informationen nicht herankommen haben am Arbeitsmarkt natürlich sehr schlechte Chancen.



Diskriminierung am Arbeitsmarkt:

  • Niedriges Bildungsniveau schränkt das Spektrum der Möglichkeiten auf wenige Handwerksberufe ein.

  • Auch eine Arbeitsassistenz kann das fehlende Bildungsniveau nicht ausgleichen.

  • Durch den Ausschluss aus der Telefongesellschaft wird der Arbeitsmarkt für Gehörlose immer enger. Arbeitgeber lehnen sie oft ab, weil sie aus der Informationsgesellschaft ausgeschlossen sind und daher als Mitarbeiter wenig Wert haben.

  • Es ist für Gehörlose kaum möglich an Weiterbildungen teilzunehmen. Selten wird Ihnen die Möglichkeit geboten, es besteht Dolmetschermangel, die Finanzierung von Gebärdensprachdolmetschern ist schwierig. Hörbehinderte, die nicht auf Gebärdensprache und Dolmetscher zurückgreifen können, haben am Weiterbildungssektor wenig Chancen, da sie nur erschwert an Vorträgen oder gar Seminaren teilnehmen können.

Die dadurch entstandenen schlechten Berufschancen lassen sich auch nicht durch technische Hilfsmittel beheben, maximal mildern. Die durch Sprach- und Bildungsdiskriminierung entstandenen Mängel, lassen sich auch nicht durch Dolmetscheinsatz bei Weiterbildungsseminaren oder Gesprächen mit dem Dienstgeber ausgleichen. Für Berufstätige werden zwar Dolmetscher finanziert, nicht aber für Schüler und Studenten. Die Finanzierung von Dolmetschdiensten für Berufstätige ist somit auch nur bedingt eine Hilfe.

Die Diskriminierung am Arbeitsmarkt hat natürlich auch wieder ihre Rückwirkungen auf Sprachentwicklung, Bildungssituation und Behinderung des Zuganges zur öffentlichen Bildung. Die sich bedingenden Kreise werden komplexer.

Der beschriebene Kreislauf wirkt sich wieder auf folgende Lebensbedingungen diskriminierend aus:



Diskriminierung der Gehörlosenkultur:

Alles bisher gesagte diskriminiert die Gehörlosenkultur, welche durch die Besonderheit der eigenen Sprache besteht. Gehörlosenkultur leidet durch oben genannte Mechanismen in

  • Ansehen:
    • Die Kultur wird in der Frühberatung hörenden Eltern für ihre Kinder wenig empfohlen

    • Hörende Eltern empfinden die Entscheidung ihrer Kinder für die Gehörlosenkultur oft als Scheitern

    • Durch die oben genannte Politik entsteht ein Ghetto. Es ist international zu beobachten, dass der Organisationsgrad Gehörloser mit Anerkennung von Sprache und Kultur sinkt. In Österreich ist er mit über 50% sehr hoch.

  • Ressourcen:
    Die Mitglieder der Kultur können nur auf sehr geringe Ressourcen in Bildung, Kulturtechniken und Integration zurückgreifen. Dies wirkt sich umgekehrt auf die Möglichkeiten und das Ansehen der Kultur aus.

Diese beiden Faktoren bewirken, dass gehörlose Kinder nicht an Gehörlosenkultur herankommen, und dass die Gehörlosenkultur mit ihren Forderungen auf politisch sehr schwachen Beinen steht. Die Forderungen zur Veränderung der Situation, Anerkennung der Sprache, Zugang zu Bildung und Information verhallen ungehört. Es entsteht auf Seiten der Gehörlosen eine Machtlosigkeit ihre Situation zu verändern.



Verhinderung von positiver Identitätsbildung:

Dies entsteht durch die Diskriminierung von Sprache und Kultur. Ohne persönliche Identifizierung mit Sprache und Kultur ist eine Identitätsbildung äußerst schwierig. Da sich aber gehörlose Kinder oft erst als Erwachsene gegen den Willen ihrer Eltern dieser Kultur anschließen können, sind die wichtigsten Jahre zur gesunden Bildung einer positiven und starken Identität verloren.



Verhinderung von positiver Integration:

Zu einer positiven Integration ist ein gesundes Selbstbestbewusstsein in allen Lebensbereichen Grundvoraussetzung. Folgende Probleme stechen in dieser Frage besonders heraus:

  • Ohne Sprache, Bildung, Identität ist es schier unmöglich sich positiv in die Mehrheitskultur zu integrieren.

  • Durch das niedrige Bildungsniveau ist der Anschluss an die Informationsgesellschaft insbesondere in technischer und sprachlicher Hinsicht erschwert.

  • Gehörlose werden an den Rand der Mehrheitskultur gedrängt und sind durchwegs von Arbeitslosigkeit, Armut und psychischer Erkrankung bedroht.



Gehörlose erleben kaum Anerkennung und Gleichberechtigung:

In fast allen Lebenssituationen sind Gehörlose durch die geschilderten Mechanismen Hörenden gegenüber schlechter gestellt. Von einer Gleichberechtigung oder gar einer "Antidiskriminierung" kann in Österreich nicht gesprochen werden.
Der Kreis der Diskriminierung schließt sich dann darin, dass Gehörlose am Arbeitsmarkt nicht anerkannt sind, und im Vergleich zu Hörenden kaum Chancen haben.
Die Versorgung durch Hilfsmittel reicht bei weitem nicht aus, nur annähernd eine Gleichberechtigung herzustellen. Die Diskriminierung Gehörloser ist systembedingt und daher nur mit einer Veränderung des gesamten Systems zu verhindern.



Eine Diskriminierung von Kultur hat weitere Auswirkungen. So ist zum Beispiel eine Identitätsbildung ohne persönliche Identifizierung mit Sprache und Kultur ist äußerst schwierig.

Zu einer positiven Integration wäre ein gesundes Selbstbestbewusstsein in allen Lebensbereichen Grundvoraussetzung.

Diese drei Faktoren (Diskriminierung in Kultur, Identitätsbildung und Integration) haben zur Folge, daß Gehörlose kaum anerkannt und gleichberechtigt sind.

Die Faktoren Kultur, Identität, Integration, Anerkennung und Gleichbereichtigung haben unmittelbaren Einfluß auf die Chancen am Arbeitsmarkt. Ein weiterer Kreis der Diskriminierung schließt sich.

DARAUS ERGEBEN SICH FOLGENDE FORDERUNGEN

  • Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache als Minderheitssprache
  • 2-Sprachige Erziehung für hörbehinderte Kinder
  • 2-Sprachige Bildung im Grundschulbereich
  • Zugang zu höherer Bildung durch Dolmetscher
  • Zugang zur Erwachsenenbildung durch Dolmetscher
  • Zugang zur öffentlichen Information durch Untertitel und Dolmetschereinsatz bei TV-Sendungen
  • Zugang zur Telefongesellschaft durch ein Call-Center

Literaturliste:

  • AHRBECK, Bernd 'Gehörlosigkeit und Identität'
    1992
    Signum Verlag 3- 927731-37-4

  • BIESOLD, Horst 'Klagende Hände'
    Betroffenheit und Spätfolgen in Bezug auf das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von GL 1988
    Jarick Verlag 3920224310

  • BOGDA, Helmut ' Aus meinem Leben'
    Aufzeichnungen eines Taubblinden
    1996
    Verlag: Haag u. H.
    (Taschenbuch) 3 86137 42 18

  • BRAEM, Penny Boyes ' Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung'
    1995
    Signum Verlag 3- 927731-10-2

  • CHRISTL, Adelheid ' Gestern hörend, heute taub'
    Die Situation ertaubter Erwachsener - Taschenbuch
    1997
    Verlag: Matthias- Grünewald; M. 3 78672 03 55

  • DONATH, HASE, PRILLWITZ 'Eine Minderheit verschafft sich Gehör'
    Textdokumentation zur Anerkennung der Gebärdensprache Gehörloser
    Signum Verlag 3- 927731-60-9

  • EBBINGHAUS, H. & HESSMANN J. 'Gehörlose, Gebärdensprache, Dolmetschen'
    Chancen der Integration einer sprachlichen Minderheit
    1993
    Signum Verlag 3- 927731-04-8

  • GREEN, Hannah 'Mit diesem Zeichen'
    Roman
    Rowohlt Verlag

  • GROCE, N.E. 'Jeder sprach hier Gebärdensprache'
    Roman
    1990
    Signum Verlag 3- 927731-02-1

  • HOLDAU - WILLEMS, Gisela ' Hinter Glas. Gehörlos.'
    Mit der Behinderung leben
    1996 3 780 623 79

  • KALIENKE, Monika ' Lena.'
    1995
    Verlag: Groos (Taschenbuch) 3872767429

  • KELLER, Helen ' Meine Welt'
    blind, taub und optimistisch: Leben und lernen der Helen Keller
    Verlag: Pieper Werner Medienexp. 3- 925817- 16- 6

  • KISOR, Henry ' Henry. Die Geschichte eines Gehörlosen'
    1993
    Verlag: Knaur (Taschenbuch) 3426750112

  • KRUCZEK, Dietmar 'Ich sehe mit der Seele'
    Das Leben der Helen Keller
    Verlag: AUSSAAT 376 155 0049

  • LABORIT, Emmanuelle 'Der Schrei der Möve'
    Autobiographie
    1996
    Bastei-Lübbe Verlag (Taschenbuch) 3-404-61349-x

  • LANE, Harlane, FISCHER Renate 'Blick zurück'
    Gehörlosengeschichte / Deaf History
    Signum Verlag

  • LANE, Harlane ' Die Maske der Bamherzigkeit'
    Unterdrückung von Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft
    Signum Verlag, 1994 3- 927731-55-2

  • LANE, Harlane 'Mit der Seele hören'
    Die Geschichte des gehörlosen Clerk
    Verlag: dtv 342 311 3146

  • PADDEN, C. & HUMPHRIES, T. 'Gehörlose- eine Kultur bringt sich zur Sprache'
    Gehörlose über Gehörlosenkultur
    1991
    Signum Verlag 3- 927731-20-X

  • PAPASPYROU, Chrissostomos 'Gebärdensprache und universelle Sprachtheorie'
    1990
    Signum Verlag 3- 927731-07-2

  • PRILLWITZ, S. & VOLLHABER, T. 'Gebärdensprache in Forschung und Praxis'
    1990
    Signum Verlag 3- 927731-19-6

  • ROSEN, Lilian 'Greller Blitz & Stummer Donner'
    (ab 13 J.) Roman
    1987
    Verlag: dtv

  • SACKS, Oliver 'Stumme Stimmen'
    Reise in die Welt der Gehörlosen
    1989
    Verlag: rororo

  • SCHALLER, Susann 'Ein Leben ohne Worte'
    Roman
    1992
    Knaur-Verlag (Taschenbuch) 3-426-75002-3

  • SIDRANSKY, Ruth 'Wenn ihr mich doch hören könntet'
    Kindsein in einer stummen Welt
    1992
    Scherz Verlag

  • WALLISFURTH, Maria ' Lautlose Welt. Das Leben meiner gehörlosen Mutter'
    1997
    Verlag: Piper (Taschenbuch) 3492225411

  • WEBER, Hans- Ulrich ' Gehörlosigkeit, die gemachte Behinderung'
    1995
    Verlag: Groos (Taschenbuch) 3872767453

  • WHITESTONE, Heather 'Ich höre mit dem Herzen'
    Eine gehörlose Frau wird Miss America
    1998
    Verlag: Schulte u. Gerth (Taschenbuch) 3894375507

  • Wisch, Fritz- Helmuth ' Lautsprache und Gebärdensprache'
    Die Wende zur Zweisprachigkeit in Erziehung und Bildung Gehörloser; 1990
    Signum Verlag 3 -927731-05-6

    Andere Litaraturlisten:

    1. Spiekermann
    2. Signum-Verlag

    Wichtige Adresse:

    Signum Verlag: Hans - Albers- Platz 2 20359 Hamburg Tel. 0049 / 40/ 3192140 Fax: 0049 / 40/ 3196205

    1. http://www.sign-lang.uni-hamburg.de
    2. http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/signum/inhalt.html

Videos und Filme:

Zentrum für Deutsche Gebärdensprache:
Interessante Videofilme in Gebärdensprache oder mit Dolmetschung [5] Signum-Verlages.

Fischer Film:
Österreichische Videos in Gebärdensprache: [6] http://www.fischerfilm.com

  • Doku Weltkongresses Wien 1995 (Sammlung der Wichtigsten politischen Anliegen Gehörloser)
  • Doku einer Demonstration zur Anerkennung der Gebärdensprache in Linz
  • Egal - Neutral von Wolfgang Georgsdorf

Mediathek Salzburg:
Gebärdensprachvideos der Mediathek Salzburg. Über Gehörlosigkeit, Gehörlosenkultur, Forschung,.... Teilweise gebärden Gehörlose selbst, teilweise werden Vorträge gedolmetscht (leider viel DGS).
Einfach hingehen, und kostenlos ausborgen!

Mediathek/Musikabteilung der Stadtbücherei
Franz-Josef-Straße 4, Tel. 80 72-21 55, Fax 80 72-34 08
[7] http://buch.stadt-salzburg.at
Stichworte: gehörlos, Gebärdensprache"

Videothek im Witaf:
Filme kostenlos ausborgen, oder auch kostenlos zusenden lassen (für Gehörlose)
Witaf (Wiener Taubstummen - Fürsorgeverband)
A-1020 Wien, kleine Pfarrgasse 33 / 2.Stock / Lift
Fax: 0043 1 214 7695, Tel.: 0043 1 214 5874
[8] http://www.witaf.at

Das Kino:
Filme mit Untertitel
Stichwort im Programm: "OmU" - Original mit Untertitel. Das Programm kannst Du Dir auch monatlich zuschicken lassen.

Das Kino
Salzburger Filmkulturzentrum, A-5020, Giselakai 11,
Tel. 0043 662 873100, Fax: 0043 662 880731 20
E-Mail: office(at)daskino.at
HOMEPAGE: [9] www.daskino.at